Bösewichte und Barbaren

Feb 15 2011

 

 Im Dezember 2000 schrieb ich diesen Text als Einleitung der “Beiträge zur Historischen Sozialkunde”  (1/2000). Das Heft führte den Titel “Von Bösewichten und Barbaren. Zur Entmystifizierierung von Geschichtsklischees”. Mir erscheinen diese Zeilen weiterhin aktuell und so stelle ich sie – geringfügig verändert – in meinen Blog. Demnächst folgt der unten erwähnte Artikel über die Mongolen.

 Wer kennt sie nicht, jene Sprüche, die so leicht über die Lippen kommen, jene Bilder, die in vielen Köpfen herumspuken? Zählen wir einige wahllos auf: Vandalen zerstören Telefonzellen, unordentliche Zeitgenossen hausen wie die Hottentotten, primitive Menschen nennt man Zulukaffer. Lästige Zeitgenossen wünscht man dorthin, wo der Pfeffer wächst, als Alternative wird auch Timbuktu angeboten. Wird es im Raum laut, geht es zu wie in einer Judenschule. Unelegantes Nasenputzen ohne Taschentuch? Russisch Schneuzen! Hinterlist, Tücke und Verrat? Das riecht nach Balkanischer Intrige, könnte aber auch eine Byzantinische sein. Aber bezichtigt man nicht auch  Italiener der Neigung zum Dolchstoß? Wie hält man es mit einer getürkten Angelegenheit – eine in diesen Tagen häufige verwendete Formulierung zur Beschreibung der Aktivitäten einiger Herren aus der österreichischen Politik und Finanzwelt (für die selbstverständlich die Unschulds-, Fitness- und Schönheitsvermutung gilt).

 Und die  Horden aus dem Osten! Bei jedem Auftreten einer türkischen Fußballmannschaft in Wien schreiben unsere kleinformatigen Zeitungen von der Dritten Türkenbelagerung und dass die Janitscharen samt Kara Mustapha Einzug hielten. Doch auch seriöse Blätter vermuten manchmal die Herkunft des Bösen im Osten.  Wie schrieb vor einigen Jahren Der Standard anlässlich der weltweiten Angst vor allen möglichen Seuchen? “BSE, CJD, DU –  blitzschnell lernt die Welt  Abkürzungen, die Schrecken verbreiten wie früher einmal die Pest und Attila.“  Die Hunnen kriegen immer wieder ihr Fett ab: In einem irischen Rebellenlied heißt es bei der Beschreibung des Osteraufstandes von 1916:  “ … while Britannias Huns with their long range guns sailed in through the Foggy Dew.” Die Briten ihrerseits verglichen während der Weltkriege die deutschen Soldaten mit den Kriegern Attilas. Besonders interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang die  Wortmeldung eines siebzehnjährigen Schülers (Unterrichtsfach “Europäische Kulturgeschichte“, Jänner 2011):  Der aus Ungarn stammende Norbert Fazakas wurde sofort hellhörig, als wir   von Geschichtsklischees und nationalen Stereotypen redeten. Er erzählte, dass die Ungarn mit  “hunnok“ (bedeutet “die Hunnen“) sowohl die Hunnen als auch die Mongolen bezeichneten. Der Unterschied? Die “hunnok“ des Attila gelten als die Guten, jene des Dschingis Khan als die Bösen.

 Nicht selten muss eine ganze Epoche als Metapher des Bösen herhalten: Reaktionäre Politik wird gerne als Weg in die  finstere Vergangenheit bezeichnet. “Im Minirock aus dem Mittelalter in die Moderne“ lautete der Titel eines Berichts  über iranische Frauen im Kurier. Aberglaube: Mittelalter. Hexenwahn: Mittelalter. Ablehnung von Empfängnisverhütung durch Papst & Co: Mittelalter. Technikfeindlichkeit: Mittelalter. Und so weiter und so fort.

Die Liste der Klischees ließe sich beliebig verlängern. Es lohnt aber auch der Blick auf die Kehrseite der Medaille: Die Verherrlichung und Überhöhung bestimmter Ethnien, Kulturen und Epochen. Das Mittelalter scheint gegen Antike, Renaissance oder die gute alte Kaiserzeit weiterhin schlechte Karten zu haben. New-Age-Anhänger erklären Kelten, Aborigines, Schamanen aller Kontinente sowie die indigenen Amerikaner – wenn sie nicht gerade Kiowas (die Bösen gegen Winnetou  und seine Apachen), Huronen oder mit Punkfrisuren ausgestattete Irokesen sind – zu ihren Leitbildern. Ganz zu schweigen von der Vereinnahmung durch totalitäre Systeme, wie es der Germanenkult des Nationalsozialismus auf die Spitze trieb.

 Angesichts der Überfülle solcher zählebigen Geschichtsklischees fiel die Schwerpunktsetzung der vorliegenden “Beiträge“ nicht leicht. Letztendlich erfolgte eine  willkürliche Auswahl: Karl Kaser nimmt in einem sehr persönlichen Artikel zu Vorurteilen über den Balkan Stellung und zeigt, wie liebens- und lebenswert diese Region sein kann.  Susanne Binder setzt sich mit dem ständig wandelnden Bild des Flüchtlings auseinander, dessen Status wieder einer Neudefinition bedarf. Karin Huber vergleicht zwei Native American Nations, deren Image wohl nicht unterschiedlicher sein könnte: Navajos und Irokesen. Erik Haidenthaller beleuchtet weitgehend unbekannte Aspekte der germanischen Gesellschaft, die heute in  Skandinavien – vor allem bei  Frauen und  Jugendlichen –  neue Bedeutung erlangt hat und in krassem Gegensatz zur Instrumentalisierung durch die Nazis steht. John Morrissey analysiert die Geschichte der Mongolen, deren fulminante Erfolge ungeachtet aller Ängste, welche  sie auslösten, die Welt des 13. und 14. Jahrhunderts in einem noch nie dagewesenen Ausmaß vernetzten und intensive kulturelle sowie ökonomische Austauschprozesse in Bewegung setzten. In einem Beitrag zur Fachdidaktik stellen Beatrix Mandl und Hanna-Maria Suschnig das Projekt einer 3.Klasse am Bundesgymnasium Laaerberg Straße vor: Die Schülerinnen beschäftigten sich mit drei Mythen –  Amazonen, Kleopatra und Aborigines.

 Noch ein Wort zur Entstehung dieser Nummer. Der Impuls ging von zwei Maturanten aus, die 1998 am Bundesgymnasium Baden Biondekgasse hervorragende Fachbereichsarbeiten  verfassten, deren Ziel die Analyse klassischer historischer “Ungustln“ war:  Irokesen und Mongolen. Ihre Manuskripte fielen Mitgliedern des Instituts für Wirrtschafts- und Sozialgeschichte in die Hände – die Idee “Bösewichte und Barbaren“ war geboren. In diesem Zusammenhang freut es uns besonders, dass einer jener beiden Gymnasiasten, Erik Haidenthaller (studiert zur Zeit Geschichte in Uppsala und Wien),  nun zu unserem Autorenteam gehört.

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Musiker quer durch die Jahrhunderte (5): Walter Langley (1852-1922) “Admiration”

Jan 18 2011

                                                                                 

Das Bild stammt aus der Victoria Art Gallery Bath, hing aber zuletzt im Penlee House Gallery and Museum in Penzance (Cornwall). Dieses feine  Museum gilt als die größte Sammlung der Newlyn School, einer Gruppe englischer Impressionisten. Wie so oft hätte das besondere Licht an der cornischen Küste zahlreiche Maler angelockt. Mag ja stimmen – aber das sagen ja die Kunsthistoriker   auch über Neapel und Venedig, die flämischen Küstenstädte, das ebenfalls in Cornwall gelegene St. Ives, Stockholm und Helsinki, die Alpen, etc. Überall das besondere Licht. Eigentlich eine Binsenweisheit, oder?  Unterschiedliche Landschaften, unterschiedliches Klima – das ergibt wahrscheinlich auch unterschiedliche Lichteffekte.  Aber vielleicht ließe sich ein trendiger kunsthistorischer Bestseller schreiben, mit dem Titel “Die 100 einmaligsten Lichtverhältnisse der Welt und ihre Auswirkung auf Allesmögliche in der Malerei”.

 Wobei hier eine Hommage an Egon Friedell angesagt ist: In seiner geistreichen “Kulturgeschichte Griechenlands” schreibt er,  die extrem klare Luft in der Ägäis erlaube keine perspektivische Sicht der Insel- und Küstenlandschaften. Und daher hätten griechische Künstler, welche  perfekte realistische  Skulpturen schufen und sich auch in der Architektur als Meister räumlichen Denkens erwiesen, in der Malerei auf Perspektive und Landschaftsdarstellungen verzichtet. Die Dunst- und Nebellosigkeit ist schuld. Deswegen konnte  sich die Landschaftsmalerei vor allem in Regionen mit   höherer Luftfeuchtigkeit entfalten:   In  Italien, Frankreich, Flandern und Holland. Ich glaube, auch dieser Gedanke stammt von Friedell.   Nun, vielleicht sollten wir das Buch lieber “Die 100 einmaligsten Nebel- bzw. Dunstverhältnisse der Welt und ….. ” nennen.

Ob Licht, Nebel oder Regen, der in Cornwall reichlich fällt - das Museum in der alten Handels- und Fischerstadt Pensance verdient einen Besuch.  Laura Knight, Elizabeth Forbes, Harold Harvey, John Martin, Walter Langley, etc.  erinnern an österreichische Maler irgendwo zwischen Ferdinand Georg Waldmüller und Tina Blau, aber auch an die klassischen französischen Impressionisten. Und gleichzeitig merkt man den eigenständigen  künstlerischen Weg so manchen  Newlyn-Malers. A propos – warum Newlyn? Das ist der Pencance’s unmittelbarer Nachbarort. Zentrum  der Sardinenfischerei, wo heute Englands letzte Fabrik zur Konservierung der “pilchards” steht.  Nachdem  sich die Sardinen in  ihren ersten drei Lebensjahren  in  den  atlantischen Gewässern vor Frankreich, Spanien und Portugal tummelten, ziehen sie nach Südwest-England.  In der Fabrik befindet sich auch ein Museum, in dem anschaulich die Entwicklung des Sardinenfangs dargestellt wird.   

Auf den ersten Blick wirkt die Doppelstadt nicht besonders attraktiv. Doch bietet sie mehr als Hafen und Museen.  Zum Beispiel  die zahlreichen Häuser im Georgian- und Regency-Stil. Und vor allem das kuriose “Egyptian House” im Zentrum von Pensance,   errichtet um 1830, nachdem in England eine formidable Äpyptomanie ausgebrochen war.  Das eigenwillige Gebäude befindet sich in der zum Hafen führenden  Chapel Street , wo man auch auf Buch- und Antiquitätengeschäfte  sowie auf feine Pubs trifft.

Zum Schluss noch  Tipps für Ausflüge in unmittelbarer Umgebung: Schnukkelig-wildromantisch das Hafenstädtchen Mousehole, majestätisch die Klosterinsel St. Michael’s Mount, zu dem man  bei Ebbe zu Fuß marschieren kann. In jeder Hinsicht ein Pendant zum weltberühmten Mont Saint Michel in der Normandie, dem es  ab dem 12. Jahrhundert unterstellt war.  Und nicht zu vergessen die jungsteinzeitlichen Felsmonumente Merry Maidens, The Pipers  oder Lanyon Quoit. Ein Muss für New-Age-Freaks, interessant auch für pragmatischere Gemüter.

 

Bildnachweis William Langley “Admiration”: Bath City Council, published by the Friends of the Victoria Art Gallery 

 

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In Istanbuls Straßen

Nov 25 2010

Europäische Kulturhauptstädte 2010: Essen im Ruhrgebiet, Pecs in Südungarn und Istanbul. Istanbul? Istanbul!  Offensichtlich ist diese Tatsache den xenophoben Krawallpolitikern und Integrationsverweigerungs-Experten entgangen, denn das zu erwartende Protestgeheul blieb weitgehend aus. Einzige Erklärung ist wohl  die immer wieder zu beobachtende Tatsache, dass solchen Menschen Kultur nicht wichtig ist – ja, dass viele  Großmeister kleingeistiger Gehässigkeit diesbezüglich ziemlich ignorant sind. In Bezug auf Kommentare zu den  heurigen Kulturhauptstädten kann man dafür nur dankbar sein. 

 

Eigentlich wollte ich dieses in Istanbul aufgenommene Foto weitgehend kommentarlos auf meinen Blog stellen. In der Kategorie “Musikalische Kollegen”.  Aber dann begann ich zu recherchieren - und so entsteht jetzt dieser Text. Der “Standard” interviewte vor kurzem Beral Madra, Kunsthistorikerin und Kuratorin in Istanbul, und dabei stellte sie zur Frage des Türkei-Bildes vieler Österreicher (Stichwort “antiquierter Wertekatalog anatolischer Bauern”) fest: 

“Das ist das simplifizierende Bild des Orients im Okzident. Aber seien wir ehrlich: Wie denken denn genau diese Menschen über Afrika? Oder über Asien? Das sind Vorstellungen, die sich an Stereotypen orientieren. Und die sind sehr schwer aus der Welt zu schaffen. Ich weiß selbst keine Lösung. Doch die Gegenwartskunst wirft Lösungsansätze auf. Austauschprogramme, grenzüberschreitende Kollektive leisten einen wertvollen Beitrag. Die folgende Generation wird wohl schon andere Bilder über Türken und die Türkei entwickeln. Und seien wir uns ehrlich, was die konservativen Weltbilder betrifft: Gar so weit liegen da – überspitzt formuliert – der österreichische Bergbauer und sein anatolischer Kollege nicht auseinander. Beide haben dieselbe hermetische Weltsicht; und beide haben Angst davor, sich Neuem zu öffnen.” 

Jedenfalls beweist die Auswahl der drei Kulturhauptstädte Mut. Eine Ruhrpott-Metropole, mit der viele  nicht gerade das Bild von Kultur assoziieren (das kann man korrigieren, etwa mit Thomas Parents  ”Das Ruhrgebiet. Vom ‘goldenen’ Mittelalter zur Industriekultur”  im Dumont Verlag).  Eine noch immer ziemlich unbekannte südungarische Stadt mit   bemerkenswerter Architektur  aus  osmanischer Zeit  und in der ein Teil der Bevölkerung neben Ungarisch noch immer Deutsch spricht (abgesehen von anderen ethnischen Gruppen wie Serben, Kroaten und Roma). Und dann eben Istanbul – Symbol von 2000 Jahren asiatischer und europäischer  Geschichte. 

Zum Schluss müssen trotz  der erfreulichen Kulturarbeit in der Bosporusstadt  einige Wermutstropfen geträufelt werden. Wie so oft bei kulturellen Großinszenierungen fließt viel Geld in Repräsentativkultur während  die junge Kunstzene sich finanziell abstrampelt. Und es tun sich offensichtlich auch Teile des türkischen Establishments schwer, kritische Künstler zu akzeptieren: Erst diese Woche wurde die Teilnahme des Literaturnobelpreisträgers V.S. Naipaul beim Europäischen Schriftstellerkongress in Istanbul  abgesagt. Auf Betreiben von konservativen Schrifstellern und Journalisten. Was zu einer finalen Ehrenrettung der von Beral Madra erwähnten Bauern aus Anatolien oder Österreich führt - auch  die sogenannten  Eliten sind anfällig für   reaktionäres Denken und Handeln. 

Aber jetzt wirklich zum Schluss noch ein Zitat Beral Madras in der Badischen Zeitung: “Ich bin ein Kind der aus Europa importierten Moderne.” –  Istanbul? Istanbul! 

(Bildnachweis: “Der Standard”, AP/Usta) 

 

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Mehrsprachig

Nov 20 2010

Anfang November spielte Hotel Palindrone im Kulturzentrum OHO Oberwart. Schönes Konzert und danach interessante  Gespräche  mit den Veranstaltern bis spät in die Nacht – unter anderem auch über die verschiedenen Sprachen im Mittelburgenland. Dazu passte am nächsten Morgen eine   Szene im Hotel “Zur Pinka” : Eine winzige  alte Dame   betritt mit  zellophanverpacktem Kukuruz (für deutsche Leser: Mais) in der Hand   den Frühstücksraum und will vom  Hotelchef   eine Übersetzung des Etiketts. Offensichtlich Importware von weit her, für die Dame in unverständlicher Sprache beschriftet. Lautstarke Klage: “Des is net Deitsch, des is net Ungarisch – des is ausländisch!” 

Besser konnte man es nicht illustrieren als diese Dame – die im Burgenland praktizierte Mehrsprachigkeit. Und da ist Ungarisch eben nicht “ausländisch”. Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der viersprachige Bierdeckel des Brauhauses Kobersdorf, mit einem Werbespruch auf Kroatisch, Romanes, Ungarisch und Deutsch. Der Hotelchef wies mich auf ein Wort in der Roma-Sprache hin: “vilago” bedeutet nicht nur “Heimat”, sondern auch ”Welt”. 

 Natürlich ist  im Burgenland nicht alles Gold, was da so multikuturell glänzt. Vor allem was die Situation der Roma betrifft. Ganz zu schweigen von den Tönen im letzten  burgenländischen Wahlkampf.  Trotzdem - es wäre schön, wenn es  anderswo so funktionieren könnte wie hier. Wie in Oberwart/Felsöör, Oberpullendorf/Felsöpulya, Großwarasdorf/Veliki Boristof, Trausdorf/Traistof, Stinatz /Stinjaki oder Neuberg/Nova Gora.  Aber man hört  ja, staunend und ungläubig,  Interessantes von Herrn Dörfler aus Klagenfurt/Celovec …. .  

 
 
 

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Étretat (Normandie)

Okt 03 2010

Sommer 2009: Vor den Hotel-Palindrone-Auftritten  beim Boombal Festival in Belgien drei Wochen Ferien in Frankreich. Kreuz und quer durch Dordogne, Auvergne und Normandie.

Der Tourismus  fokussiert sich in der Normandie auf  Mont-St-Michel,   die Halbinsel Contentin, die  Plages du Débarquement (Landung der Allierten 1944 – davon wird irgendwann  im Blog die Rede sein), Bayeux  oder Caen. Ich möchte aber Ihren Blick auf den weniger bekannten Osten der Region  lenken,  dem Pays de Caux.

Besonders fein zum Baden und  Wandern, sowie   Ausgangspunkt für Kulturtouren (Le Havre, Abtei Jumiéges, Rouen): Étretat. 1.500 Einwohner, an einem weiten Kieselstrand gelegen, der seinerseits auf beiden Seiten von Kreidefelsen begrenzt wird:  Falaise d’Amont  im Nordosten, Falaise d’Aval im Südwesten. Lebhafter Tourismus, aber kein Massenauftrieb – selbst im August.

Schon im 19. ein populäres Seebad, zog Étretat auch zahlreiche Kunstschaffende an: Claude Monet, Gustave Courbet, Jacques Offenbach, Victor Hugo, Alexandre Dumas, André Gide, Guy de Maupassant. Offensichtlich fühlt sich die Stadt diesem Erbe verpfichtet – wie die feine Initiative einer Strandbibliothek zeigt.

 

 Detail von einem Fachwerkhaus im Zentrum:  Musikalischer Hardcore-Kollege aus dem Mittelalter.

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Catania (2) – Kulinarischer Trost

Sep 30 2010

Gleich vorweg eine Entschuldigung: Ein Cybermurks hat meine Sizilien-Fotos verschlungen. Es wären sehr anschauliche Bilder dabei gewesen. Jetzt werde ich mir mit einigen gegoogelten Fotos helfen müssen.

In “Catania (1) – Pittoresk” schrieb ich über die Schwierigkeit, in einer solchen Stadt zu leben. Und warnte vor  der idealisierenden Vorstellung, gerade hier fände sich das authentische Italien. Zum Schluss allerdings erwähnte ich die wunderbare Küche Catanias. Es mag pathetisch klingen: Ob in der Pescheria, dem Altstadtmarkt, oder in den zahlreichen bis spät in die Nacht gut besuchten Osterie und Trattorie – Catania verwandelt sich hier in eine Art Schlaraffia der Farben, Gerüche und Aromen.

Die vielfältigen Rezepte sind natürlich auch Spiegel der sizilianischen Geschichte, welche seit über 100o Jahren von Byzantinern, Arabern, Normannen, Spaniern, Franzosen und Norditalienern beeinflusst wurde. Dieses kulturellen Erbes sind sich auch sonst wenig geschichtskundige Sizilianer bewusst:  Bei  einem opulenten Festessen   erklärte mir  die aus der Gegend von Trapani stammende Köchin Vitina  (laut Angaben ihrer Familienmitglieder kaum des Lesens und Schreibens mächtig)  als sie Pasta mit Paradeisern,  Sardellen,  Rosinen, Stangensellerie und Knoblauch auftrug: ”Das ist Arabisch”.
Natürlich ist schwer zu unterscheiden, was bei der Vielfalt an Gerichten typisch Catanisch oder eher typisch Sizilianisch ist. Ganz zu schweigen von Speisen, wie man sie in ganz Italien findet – weniger ein Angebot für ratlose Touristen als für Einheimische, die auch gerne einmal “ausländisch” essen wollen. Spaghetti Carbonara aus Latium oder Tortellini in Schlagoberssoße aus der Romagna – das ist für viele Sizilianer das Gleiche wie für uns thailändische oder mexikanische Küche. Dieses Regionalbewusstsein findet man  aber in vielen Gegenden Italiens:  Als Freunde  mit mir in Rom  exotisch essen gehen wollten, luden sie mich in ein sardisches Restaurant ein.

Zu Catanias kulinarischem Reichtum trägt nicht zuletzt der Ätna bei. Die  Vulkanböden garantieren  in Zusammenspiel mit dem Klima  geschmacksintensives Obst und Gemüse. Beispiel Orangen: Im November reifen die Früchte tagsüber in warmer Sonne, was ihnen unvergleichliches Fruchtaroma und Süße verleiht. “Die leuchtend rote Farbe der Schalen und des Fruchtfleisches verdanken sie jedoch den kalten Nächten” (Alice Vollenweider: Italiens  Provinzen und ihre Küche). Die auch bei uns beliebten sizilianischen Moro- und Tarocco-Orangen sind nicht nur geschmacklich besonders intensiv, sondern enthalten auch wesentlich mehr Vitamine und Mineralien als Produkte aus Spanien und Übersee. Außerdem ist der Transportweg nach Mitteleuropa wesentlich kürzer. Die Früchte können ausgereift transportiert werden, was also mehr Geschmack bedeutet  und sie hinterlassen einen  kleineren ökologischen Fußabdruck.

Nachteil: Woher soll man wissen, inwieweit die Mafia an Produktion und Transport beteiligt ist? Etwa bei Schutzgeldern –  Wasser  gegen den “pizzo”. In diesem Zusammenhang ein Tipp: Mafia-freie Produkte bzw. Hotels und Agriturismo  findet man unter   www.addiopizzo.org sowie www.liberaterra.it.

Was könnte man mit solchen Orangen zubereiten? Zum Beispiel “insalata di arance picante”. Mischen Sie 4 oder 5 geschälte und zerstückelte Orangen mit 9 bis 12 entkernten schwarzen Oliven, fügen sie etwa 10o Gramm klein geschnittenen Mozzarella oder Ricotta hinzu,  und dann schmecken sie das Ganze mit Olivenöl, Salz und Pfeffer ab. “Das ist ziemlich Arabisch”, hätte Signora Vitina  gesagt. Schließlich verdankt Italien die Kultivierung der Zitrusfrüchte, aber auch der Artischoke, den mulimischen Herrschern Siziliens und Süditaliens.

Mit Orangen haben  “arancine di riso” wenig zu tun. Der Name bezieht sich nur auf Form und Größe dieser Spezialität, wobei die “arancini” in Catania eher wie ein gedrungenes Horn aussehen. Jedenfalls gelten diese in Öl frittierten Reisbälle als Quintessenz sizilianscher Küche. Gefüllt werden sie mit faschiertem Fleisch, aber auch mit Pistazien oder Pilzen. Noch ein gastronomischer Klassiker, benannt nach einer Oper des aus Catania stammenden Komponisten Vincenzo Bellini, ist “pasta alla Norma” – Maccaroni mit Paradeis-Sugo, Ricotta, gebratenen Melanzane und Basilikum.

Der turbulente Altstadtmarkt La  Pescheria (hier ist “pittoresk”  vielleicht wirklich  das richtige Wort) legt den Schluss nahe, die Gewässer vor der sizilianischen Küste wimmeln nur so von Fisch und Meeresfrüchten.  Jedenfalls ist die Ware frisch und die Preisschildchen geben bei der Herkunft “nostrane” (also einheimsch) oder “siciliano” an. Das melodiöse Stimmengewirr, die Gerüche, der charmant-derbe Witz der Verkäufer, etc –  das wurde schon oft hymnisch beschrieben, daher gleich zu einem typischen Rezept, den  “sarde a beccafico”: Im Rohr geschmorrte Sardinen mit einer Fülle aus gehackten Sardellen, Rosinen, Petersilie, Pecorino, Pininienkernen und Mehl.

Die Liste catanischer Spezialitäten ließe sich lang weiterführen, und so seien nur einige wenige genannt: “crespelle” - Rouladen aus Palatschinkenteig mit pikanter Fülle (zum Beispiel Ricotta und Sardellen),  “scacciate” – Brotteig gefüllt mit Tuma-Käse sowie Sardellen und Gemüse, “carne di cavallo” - gegrilltes Pferdefleisch in allen Varianten.  Und da wären noch die Süßigkeiten: “cassata alla siciliana”, “olivette di Sant’ Agata”, “cannoli”, “granite”, … .

Zu guter Letzt erwarten Sie sich vielleicht Restaurant-Tipps.  Die Antwort: Es ist schwer, in Catania schlecht zu essen. Im Gegenteil – ob auf der Piazza Federico di Svevia rund um das Castello Ursino  oder in Viertel hinter der Piazza Università finden sich zahllose empfehlenswerte Lokale. Genannt seien hier Trattoria U Fuccularu (Piazza Ogninella 6), Trattoria Il Mare (Via San Michele 7) und Trattoria  Il Borgo di Federico beim Castello Ursino (hier feierte Hotel Palindrone nach ihrem Konzert in der Burg). In solchen Gasthäusern vergisst man für einige Zeit, dass Catania eine schwierige und verstörende Stadt ist.

Bildnachweis: www.picasaweb.google.com, www.ferienwohngcatania.com, www.ferien-sizilien-weinheim.net

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Musiker quer durch die Jahrhunderte (4): Santiago de Compostela

Jun 19 2010

Gaitero in Santiago de Compostela. In meinem Artikel über das Museo do Pobo Galego schrieb ich über den galizischen Dudelsack, die Gaita.  Das wichtigste Instrument der traditionellen Volksmusik, aber auch des Neuen Folk dieser Region. Und so gehört er neben den Kirchenglocken und dem Stimmgewirr der Passanten (das historische Zentrum  ist übrigens weitgehend autofrei) zum Klangbild der Stadt. Aus fast jedem Souvenirgeschäft tönen die neuesten CDs von Na Lúa, Cristina Pato, Berrogüetto, Milladoiro, Leilía, Susana Seivane oder Xosé Manuel Budino. Dazu kommen die Straßenmusiker. Ihr  bevorzugter Platz ist der Durchgang von der Praza do Obradoiro zur Praza da Immaculada, gleich neben der Kathedrale.

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Catania (1) – Pittoresk?

Jun 19 2010

Hotel Palindrone in Catania: Am Christ-Himmelfahrts-Wochenende spielte die Band im Rahmen der Festivals “Classica & Dintorni” sowie “Catania Folk Festival”. Auftrittsort war das Castello Ursino, eine typische Burganlage aus der Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. – weit weniger elegant als das bekannte Castel del Monte in Apulien,  eher marzialisch-respekteinflößend im Zentrum der Stadt gelegen. Die  schroffen Außenmauern und Türme  umhüllen allerdings Innenräume von höchster Eleganz und Leichtigkeit. Und in einem dieser Säle spielte Hotel Palindrone. Castel Ursino ist nicht nur Veranstaltungsort für Konzerte und Symposien, sondern es beherbergt auch das Städtische Museum mit einer  feinen Sammlung archeologischer Funde aus der Region. Hervorzuheben wäre die antiken griechischen Vasen.

Catania – wie beschreibt man eine Stadt, die bei genauem Hinsehen äußerst zwiespältige Gefühle auslöst? In solchen Fällen greifen Reisejournalisten gerne zum Schlagwort “Stadt der Gegensätze” oder “der Kontraste” -  oder “der Widersprüche”. Solche Etiketten treffen bei allen möglichen  Städten Europas zu, in denen seit  Jahrhunderten kulturelle und soziale Vielfalt das Leben bestimmen. Oder in denen sich auf Grund verschiedenster Faktoren ganz spezielle Formen des Zusammenlebens entwickelt haben, die Außenstehende faszinieren, aber auch irritieren. Städte der Kontraste  wären also Metropolen wie Lissabon, Barcelona, London, Amsterdam,  Berlin, Kopenhagen oder Wien. Aber auch kleinere urbane Zentren wie Perugia, Santiago de Compostela, Dijon oder Graz. Kontraste und Widersprüche finden sich überall. Selbst im scheinbar so homogen auf Festspieltourismus getrimmten Salzburg.

Was ist aber anders an Catania? Oder an Palermo, Taranto, Bari, Neapel, …? So mancher Reisender wird sagen, gerade in diesen Städten des Südens findet man noch authentische Italianità. Hier würde man noch auf  jene Bilder stoßen, die in den soliden und gepflegten Regionen weiter nördlich (Toskana, Umbrien, Marken, Veneto, Friaul, etc) fehlen: Pittoreske Architektur, brodelndes Straßenleben, ungekünstelte Lebensfreude,  Improvisationstalent in allen Lebensbereichen. Hier, im Mezzogiorno, ließe sich noch das Italien Goethes aufspüren….

Vielleicht führt uns das Wörtchen “pittoresk” weiter. Wann immer abgewohnte Substandardviertel mit liebevoll-anarchischer Balkongestaltung aufwarten, gar mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche (Lieblingsphotomotiv: Riesenbettzeug und überdimensionierte  Damenunterwäsche) greift man zum Motto “pittoresk” – ein Schlagwort des 18. Jahrhunderts, als hunderte europäische Dichter und Maler auf die Apenninhalbinsel strömten. Entsprechende Gemälde sind auch im Wiener Kunsthistorischen Museum zu bewundern.

Vielleicht könnte man aber solche Stadtviertel auch anders deuten: Wohngebiete, in denen hart um ihre Existenz schuftende Menschen versuchen, mit Würde zu leben. Menschen, die oft nur die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Mafia haben. Menschen, die tatsächlich ungeheure Energie und Lebensfreude versprühen – gleichzeitig aber auch resignativ und verzweifelt wirken. “Das ist eine schwierige Stadt zum Leben …” hört man immer wieder. In Catania, oder Palermo, oder Neapel, oder Taranto, …

Die im Zentrum omnipräsenten Sicherheitskräfte symbolisieren besonders anschaulich das Dilemma einer “schwierigen Stadt”: Je zwei Carabinieri und zwei Soldaten stolzieren über die prachtvolle Via Etnea - um dann und wann einen afrikanischen Straßenhändler zu verscheuchen. Oder Kaffee zu trinken und zu plaudern. Vielleicht nehmen sie auch den einen oder anderen Taschendieb fest. Präsenz zeigen, heißt das Motto dieses Sicherheitskonzepts der italienischen Regierung.  Den Menschen Sicherheit vermitteln. Wo man aber die Exekutive wirklich brauchen würde, sieht man  keine Uniform. Und prekäre Stadtviertel gibt es in Catania viele.  

Aber zum Trost: Wenn von italienischer Küche die Rede ist, schwärmen Gastrosophen üblicherweise vom Essen in allen möglichen Regionen – Sizilien ist selten dabei,  und schon gar nicht  Catania. Dabei findet man in dieser Stadt die vielleicht variantenreichste Küche Italiens. Dazu später mehr …..

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Musiker quer durch die Jahrhunderte (3): Adolphe Sax

Mai 05 2010

Dinant in Belgien: Schönes Städtchen an der Maas. Geburtsort von Adolphe Sax, dem Erfinder des Saxophons.

 
 
 

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Museo do Pobo Galego

Apr 28 2010

Santiago de Compostela – Museum des Galicischen Volkes. Am Rande der Altstadt und gleich neben dem Centro Galego de Arte Contemporánea gelegen.  Hauptaugenmerk gilt dem Alltagsleben: Arbeit, Wohnen, Ernährung, Kultur. Besonders empfehlenswert die Sammlung galizischer Musikinstrumente.

Eine raffinierte dreifache Wendeltreppe verbindet die Stockwerke des Museums. Auf den ersten Blick verwirrend – in Wirklichkeit ein logistisches und ästhetisches Meisterwerk.

Natürlich spielt im galicischen Volkskundemuseum die Fischerei eine große Rolle. Ob Artenbestand, Fangmethoden oder  Bootstechnik – sowohl die Erklärungen als auch die ausgestellten Objekte sind ein Musterbeispiel gelungener Museumsdidaktik.

Das gilt auch für die Musikabteilung. Ein Mekka für Folk- und Weltmusik-Freunde. Im Zentrum der Sammlung steht der nordwest-spanische Dudelsack, die Gaita. Mittlerweile das Symbol der neuen Zivilgesellschaft Galiciens: Die überparteiliche Protestbewegung “Nunca Mais” (“Nie wieder”), gegründet anlässlich des desaströsen Krisenmanagements nach der Ölpest des Jahres 2002, verwendet u.a. auch die Gaita als Logo. 

Ob Eisenverarbeitung, ländliche Wohnarchtiktur, Textilproduktion, Keramiktechniken  und viel mehr – dieses Museum erscheint mir als Musterbeispiel wie man die  Geschichte des Alltags veranschaulichen kann.

Auf dem Weg ins Zentrum könnten Sie auf folgende Sammlung stoßen …..

Kein Hauspantoffel-Museum, sondern ein hochspezialisierter Schuhladen. Schlapfen, Slippers, Patschen – die wohl kompletteste Sammlung häuslichen Schuhwerks auf so engem Raum.

Das macht auch den Reiz Santiagos aus. In der Altstadt finden sich neben schicken Geschäften zahllose Kleinstläden mit Lebensmitteln, Nähzubehör, Kleidung, Schuhen, Haushaltsartikeln, etc. Vitale Nahversorgung einer Stadt, deren  Zentrum nicht zur  Kulisse für Touristen  und Pilger verkommen ist. Das gleiche gilt für die Tavernen, Restaurants und Cafès: Touristenfallen gibt es in dieser ess- und trinkfreudigen Stadt nur wenige. Aber davon demnächst ….

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