Bösewichte und Barbaren
Im Dezember 2000 schrieb ich diesen Text als Einleitung der “Beiträge zur Historischen Sozialkunde” (1/2000). Das Heft führte den Titel “Von Bösewichten und Barbaren. Zur Entmystifizierierung von Geschichtsklischees”. Mir erscheinen diese Zeilen weiterhin aktuell und so stelle ich sie – geringfügig verändert – in meinen Blog. Demnächst folgt der unten erwähnte Artikel über die Mongolen.
Wer kennt sie nicht, jene Sprüche, die so leicht über die Lippen kommen, jene Bilder, die in vielen Köpfen herumspuken? Zählen wir einige wahllos auf: Vandalen zerstören Telefonzellen, unordentliche Zeitgenossen hausen wie die Hottentotten, primitive Menschen nennt man Zulukaffer. Lästige Zeitgenossen wünscht man dorthin, wo der Pfeffer wächst, als Alternative wird auch Timbuktu angeboten. Wird es im Raum laut, geht es zu wie in einer Judenschule. Unelegantes Nasenputzen ohne Taschentuch? Russisch Schneuzen! Hinterlist, Tücke und Verrat? Das riecht nach Balkanischer Intrige, könnte aber auch eine Byzantinische sein. Aber bezichtigt man nicht auch Italiener der Neigung zum Dolchstoß? Wie hält man es mit einer getürkten Angelegenheit – eine in diesen Tagen häufige verwendete Formulierung zur Beschreibung der Aktivitäten einiger Herren aus der österreichischen Politik und Finanzwelt (für die selbstverständlich die Unschulds-, Fitness- und Schönheitsvermutung gilt).
Und die Horden aus dem Osten! Bei jedem Auftreten einer türkischen Fußballmannschaft in Wien schreiben unsere kleinformatigen Zeitungen von der Dritten Türkenbelagerung und dass die Janitscharen samt Kara Mustapha Einzug hielten. Doch auch seriöse Blätter vermuten manchmal die Herkunft des Bösen im Osten. Wie schrieb vor einigen Jahren Der Standard anlässlich der weltweiten Angst vor allen möglichen Seuchen? “BSE, CJD, DU – blitzschnell lernt die Welt Abkürzungen, die Schrecken verbreiten wie früher einmal die Pest und Attila.“ Die Hunnen kriegen immer wieder ihr Fett ab: In einem irischen Rebellenlied heißt es bei der Beschreibung des Osteraufstandes von 1916: “ … while Britannias Huns with their long range guns sailed in through the Foggy Dew.” Die Briten ihrerseits verglichen während der Weltkriege die deutschen Soldaten mit den Kriegern Attilas. Besonders interessant erscheint mir in diesem Zusammenhang die Wortmeldung eines siebzehnjährigen Schülers (Unterrichtsfach “Europäische Kulturgeschichte“, Jänner 2011): Der aus Ungarn stammende Norbert Fazakas wurde sofort hellhörig, als wir von Geschichtsklischees und nationalen Stereotypen redeten. Er erzählte, dass die Ungarn mit “hunnok“ (bedeutet “die Hunnen“) sowohl die Hunnen als auch die Mongolen bezeichneten. Der Unterschied? Die “hunnok“ des Attila gelten als die Guten, jene des Dschingis Khan als die Bösen.
Nicht selten muss eine ganze Epoche als Metapher des Bösen herhalten: Reaktionäre Politik wird gerne als Weg in die finstere Vergangenheit bezeichnet. “Im Minirock aus dem Mittelalter in die Moderne“ lautete der Titel eines Berichts über iranische Frauen im Kurier. Aberglaube: Mittelalter. Hexenwahn: Mittelalter. Ablehnung von Empfängnisverhütung durch Papst & Co: Mittelalter. Technikfeindlichkeit: Mittelalter. Und so weiter und so fort.
Die Liste der Klischees ließe sich beliebig verlängern. Es lohnt aber auch der Blick auf die Kehrseite der Medaille: Die Verherrlichung und Überhöhung bestimmter Ethnien, Kulturen und Epochen. Das Mittelalter scheint gegen Antike, Renaissance oder die gute alte Kaiserzeit weiterhin schlechte Karten zu haben. New-Age-Anhänger erklären Kelten, Aborigines, Schamanen aller Kontinente sowie die indigenen Amerikaner – wenn sie nicht gerade Kiowas (die Bösen gegen Winnetou und seine Apachen), Huronen oder mit Punkfrisuren ausgestattete Irokesen sind – zu ihren Leitbildern. Ganz zu schweigen von der Vereinnahmung durch totalitäre Systeme, wie es der Germanenkult des Nationalsozialismus auf die Spitze trieb.
Angesichts der Überfülle solcher zählebigen Geschichtsklischees fiel die Schwerpunktsetzung der vorliegenden “Beiträge“ nicht leicht. Letztendlich erfolgte eine willkürliche Auswahl: Karl Kaser nimmt in einem sehr persönlichen Artikel zu Vorurteilen über den Balkan Stellung und zeigt, wie liebens- und lebenswert diese Region sein kann. Susanne Binder setzt sich mit dem ständig wandelnden Bild des Flüchtlings auseinander, dessen Status wieder einer Neudefinition bedarf. Karin Huber vergleicht zwei Native American Nations, deren Image wohl nicht unterschiedlicher sein könnte: Navajos und Irokesen. Erik Haidenthaller beleuchtet weitgehend unbekannte Aspekte der germanischen Gesellschaft, die heute in Skandinavien – vor allem bei Frauen und Jugendlichen – neue Bedeutung erlangt hat und in krassem Gegensatz zur Instrumentalisierung durch die Nazis steht. John Morrissey analysiert die Geschichte der Mongolen, deren fulminante Erfolge ungeachtet aller Ängste, welche sie auslösten, die Welt des 13. und 14. Jahrhunderts in einem noch nie dagewesenen Ausmaß vernetzten und intensive kulturelle sowie ökonomische Austauschprozesse in Bewegung setzten. In einem Beitrag zur Fachdidaktik stellen Beatrix Mandl und Hanna-Maria Suschnig das Projekt einer 3.Klasse am Bundesgymnasium Laaerberg Straße vor: Die Schülerinnen beschäftigten sich mit drei Mythen – Amazonen, Kleopatra und Aborigines.
Noch ein Wort zur Entstehung dieser Nummer. Der Impuls ging von zwei Maturanten aus, die 1998 am Bundesgymnasium Baden Biondekgasse hervorragende Fachbereichsarbeiten verfassten, deren Ziel die Analyse klassischer historischer “Ungustln“ war: Irokesen und Mongolen. Ihre Manuskripte fielen Mitgliedern des Instituts für Wirrtschafts- und Sozialgeschichte in die Hände – die Idee “Bösewichte und Barbaren“ war geboren. In diesem Zusammenhang freut es uns besonders, dass einer jener beiden Gymnasiasten, Erik Haidenthaller (studiert zur Zeit Geschichte in Uppsala und Wien), nun zu unserem Autorenteam gehört.




















